"Wer darf an der Heizung sitzen?"
"Er hat das zu mir gesagt, aber sie hat zuerst…"
"Warum weiß die das und ich nicht?"
"Ich dachte, XY ist dafür verantwortlich."
Es gibt diese Tage, an denen man sich fragt, ob man eigentlich eine Abteilung leitet oder einen Pausenhof moderiert. Man verbringt gefühlt achtzig Prozent seiner Zeit damit, Spannungen abzufedern, die längst geklärt gehören. Man löscht einen emotionalen Brand nach dem anderen, schlichtet, erklärt, gleicht aus. Und währenddessen bleibt die eigentliche Arbeit – die Strategie, die Entscheidungen, das Wachstum – leise auf der Strecke und die eigene Kraft gleich mit.
Ich höre das nicht selten in Gesprächen mit Führungskräften. Die Erschöpfung darüber, zum Schlichter und Löser für jede Befindlichkeit mutiert zu sein. Der erste Impuls auf dieses Verhalten ist oft Ärger, und man fragt sich, warum erwachsene Menschen nicht einfach ihren Job machen können. Aber wenn wir hinter die Befindlichkeiten schauen, merken wir schnell, dass das die falsche Frage ist.
Niemand steht morgens auf und nimmt sich vor, heute mal so richtig anstrengend zu sein.
Wenn Menschen anfangen, Verantwortung wegzuschieben, mit dem Finger auf andere zu zeigen, den Flurfunk zu befeuern oder sich über Nichtigkeiten zu streiten, dann zeigt uns das vor allem eins: Irgendetwas in der Art, wie wir zusammenarbeiten, trägt nicht mehr.
Dieses Verhalten, entsteht nicht aus Bösartigkeit, sondern aus einem natürlichen Reflex, basierend auf einem Mangel, den wir im Arbeitsalltag selten beim Namen nennen: Einem Mangel an Sicherheit, an Vertrauen und dem Gefühl, wirklich gesehen zu werden. Genau das ist aber die Basis für ein produktives Miteinander, statt nur einem Nebeneinander.
Stell dir vor, du arbeitest in einem Umfeld, in dem ein Fehler nicht einfach ein Fehler ist, sondern ein Makel. Ein Umfeld, in dem eine abweichende Meinung schnell dazu führt, dass man belächelt oder übergangen wird. In dem deine Vorschläge nicht gehört werden.
Was passiert dann mit Menschen, wie würdest du in so einem Umfeld agieren?
Wenn wir ehrlich sind, wissen wir beide genau, was dann passiert: Menschen hören auf, sich für die Sache einzusetzen. Sie investieren ihre gesamte Energie in den Selbstschutz. Es geht dann nicht mehr darum, das beste Ergebnis für das Projekt zu finden. Es geht nur noch darum, am Ende nicht derjenige zu sein, der schuld ist, wenn etwas nicht klappt.
- Man reicht die Verantwortung weiter.
- Man zeigt auf die Fehler der anderen.
- Man macht Dienst nach Vorschrift
- oder stellt sich in die hinterste Ecke, in der Hoffnung, dass die Verantwortung an einem vorübergeht.
Dieses Verhalten ist kein Zeichen von mangelndem Leistungswillen, es ist ein Überlebensmechanismus in einer unsicheren Kultur.
Oft wird dann versucht, diese Thematiken durch noch ein Tool, noch ein Meeting oder noch mehr Kontrolle zu lösen – selten mit langfristigem Erfolg, dafür mit steigendem Missmut, weiterem Vertrauensverlust und einer steigenden Taktung des Flurfunks.
Echte Wirksamkeit und damit auch Performance entsteht nicht auf PowerPoint-Folien, sondern im offenen Austausch zwischen Menschen. Wirksame Führung ist kein "Ich muss es allen recht machen", sie ist Beziehungsarbeit und Klärung auf Augenhöhe - aus eigener Klarheit heraus.
Das bedeutet auch, das Unsichtbare sichtbar zu machen – die unterdrückten Spannungen, die Ängste und die ungeklärten Erwartungen. Denn nur dort, wo Klarheit herrscht, kann Vertrauen wachsen. Und nur auf dem sicheren Boden von Vertrauen sind Menschen wieder bereit, Eigenverantwortung zu übernehmen, statt sich hinter Ausreden abzusichern.
Daher hör auf, immer wieder zu erklären. Fang an, die unterschwellig blockierenden Themen endlich zu klären. Denn das, was ungeklärt bleibt, zieht Energie – aus dem Team und aus dir.
Beim nächsten "Er hat aber…" hör zu, versuche aber nicht, das Thema für deinen Gegenüber zu lösen, sondern frage gezielt: "Was brauchst du von wem – konkret? Und was klärst du selbst, bis wann?"
Und dann frage, nach, nicht um wieder das Feuer zu löschen, sondern aus echtem Interesse, ob alles geklappt hat, ob das Thema geklärt ist, ob es noch etwas braucht...

