1 2

MITTELSTAND IN DEUTSCHLAND - BLOG
Du bist nicht, wer du denkst zu sein. Du bist, was du jeden Tag wiederholst.
Autor: Iris Görling
Datum: 04.05.2026
Kategorie: Führung & Personalentwicklung
Teilen...  
Link bei facebook teilen :) Link bei twitter teilen :) Link bei XING teilen :) Link bei LinkedIn teilen :)

Wenn es unruhig und damit auch herausfordernd wird, achten Menschen noch genauer auf die, die Verantwortung tragen.

Nicht unbedingt auf jedes einzelne Wort, sondern auf Ton, Tempo, Entscheidungen. Auf das, was ausgesprochen wird und noch mehr auf das, was unausgesprochen im Raum steht.

Gerade dann, wenn vieles komplexer, schneller und unübersichtlicher wird, spüren Menschen sehr genau, ob jemand nur noch funktioniert oder wirklich präsent ist.

Ob jemand einfach weitermacht oder noch verbunden ist mit dem, wofür er oder sie einmal angetreten ist.

Ob Führung noch Orientierung gibt oder nur noch den nächsten dringenden Punkt abarbeitet.

Vielleicht kommt dir das bekannt vor:.

Der Kalender ist schon vor dem ersten Kaffee lückenlos voll. Gedanklich bist du längst im nächsten Termin. Irgendwo wartet ein Konflikt, der seit Tagen „eigentlich“ geklärt werden müsste und dann kommt zwischen Tür und Angel, im Chat oder am Rand eines Meetings einer dieser Sätze, die harmlos klingen, in Wahrheit aber zeigen, wie ein System unter Stress funktioniert:

„Können Sie hier noch kurz draufschauen?“

Oder:

„Ich komme damit nicht weiter, Abteilung XY blockiert. Können Sie das übernehmen?“

Und du hörst dich zustimmen, obwohl du weißt: Du übernimmst nicht nur eine Aufgabe du bestätigst wieder ein Muster. Dein Muster.

Das gilt für Führungskräfte, für Unternehmerinnen und Unternehmer, für Selbstständige. Eigentlich für alle Menschen, die Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen und andere durch Phasen führen, in denen nicht alles klar ist.

Und, lass uns ehrlich sein: Vieles von dem, was du gerade leistest, sieht von außen niemand.

 

  • Du führst Gespräche, die keine klare Entscheidung als Ausgang haben.
  • Du entscheidest, obwohl Informationen fehlen.
  • Du gibst Sicherheit, während du selbst noch wankst.
  • Du bist Ansprechpartner, Reibungsfläche, Orientierungspunkt.
  • Und manchmal bist du schlicht die Person, zu der andere schauen, wenn sie selbst nicht weiterwissen.

Das verdient Anerkennung. Die meinige hast du.

Doch genau in diesem Funktionieren liegt auch eine Gefahr, die Gefahr, dich selbst zu verlieren und damit auch deine Wirksamkeit.

„Ich kümmere mich später um mich. Jetzt muss erst einmal alles laufen.“ Oder: „Erst müssen die anderen versorgt sein.“ Oder: „Wenn es ruhiger wird, schaue ich wieder auf mich.“

Klingt vernünftig, pflichtbewusst, erwachsen.

Nur: Was, wenn genau das der Punkt ist, an dem das System abhängig wird? Von dir.

Was, wenn der Blick auf dich selbst gerade jetzt kein Luxus ist, sondern Teil deiner Verantwortung, nicht nur dir selbst, sondern auch deinem Team, deinem Unternehmen gegenüber?

Nicht, weil du dich noch besser optimieren sollst, sondern weil in angespannten Zeiten nicht nur Strategien, Pläne und Prozesse tragen müssen – Sondern auch der Mensch, der sie verkörpert.

Orientierung entsteht nicht nur durch Entscheidungen. Sie entsteht auch dadurch, wie du pärsent bist, wenn es herausfordernd wird. Wie du zuhörst. Wie du Grenzen setzt. Wie du reagierst, wenn Druck entsteht.

Und manchmal beginnt genau hier die eigentliche Frage:

Was wiederhole ich gerade so oft, dass es meine Identität formt, auch nach außen?

Wo sagst du Ja, obwohl du Nein meinst?

Wo übernimmst du etwas, obwohl es eigentlich nicht bei dir liegen sollte?

Wo glättest du etwas, das längst geklärt werden müsste?

Wo hältst du ein System am Laufen, das dadurch nicht reifer wird, sondern abhängiger?

Wir glauben gern, Identität sei etwas Festes. Etwas, das man irgendwann hat. In der Praxis ist Identität oft viel alltäglicher. Du bist nicht nur die Person, die du zu sein glaubst. Du bist auch die Person, die du jeden Tag auf's Neue einübst.

 

  • Durch die Gespräche, die du führst oder vermeidest.
  • Durch die Grenzen, die du setzt oder überschreitest.
  • Durch die Verantwortung, die du bewusst trägst oder aus Gewohnheit an dich ziehst.
  • Durch die Geschichten, die du dir über dich selbst erzählst.

bis du kaum noch merkst, wie sehr sie deinen Handlungsspielraum bestimmen.

Was du oft genug wiederholst, beginnt irgendwann, sich wahr anzufühlen.

Deshalb wird Selbstüberforderung normal, wenn du dich immer wieder übergehst. Deshalb wird Unterstützung ungewohnt, wenn du immer wieder alles allein trägst. Deshalb wird Spannung zum Dauerzustand, wenn du Konflikte glättest, statt sie zu klären.

Nach außen funktioniert dann oft noch vieles und genau das macht es so verführerisch trügerisch.

Die Termine finden statt. Die Projekte laufen weiter. Die Zahlen stimmen vielleicht noch, aber in dir verändert sich etwas fast unmerklich und doch auf eine irritierende Art spürbar: dein Raum für echte Wahrnehmung wird kleiner, die Fähigkeit, zwischen dringend und wesentlich zu unterscheiden schwindet. Der Kontakt zu dem, was dich mal ursprünglich bewegt hat, ist nur eine verschwommene Erinnerung. Deine Werte verblassen, werden gedehnt, bis es sich innerlich nicht mehr gut anfühlt....

Und du denkst, das alles bleibt bei dir? Tut es nicht.

 

  • Wenn du ständig über deine Grenzen gehst, wird das im System irgendwann als Normalzustand gelesen.
  • Wenn du immer alles auffängst, wird bei dir auch alles abgeladen.
  • Wenn du Konflikte umschiffst, lernen andere, dass man Dinge liegen lässt, bis sie groß genug sind, um weh zu tun oder Geld kosten.

Dann kosten deine Muster nicht nur Kraft. Sie kosten Innovation, Klarheit, Vertrauen und Miteinander.

Wenn dein Unternehmen oder dein Team nur funktioniert, solange du alles zusammenhältst, ist das keine Stabilität. Es ist Abhängigkeit, die Abhängigkeit von deiner Person.

Und genau das führt zu sinkender Entscheidungsgeschwindigkeit sowie einem Mangel an Eigenverantwortung und Miteinander.

Manchmal ist nicht das Problem, dass du nicht weißt, was zu tun wäre. Meistens hältst du an einer Rolle fest, die dich früher getragen hat und dich heute einengt - die nicht mehr zu den Anforderungen passt.

Wenn du das erkennst, dann hast du schon den ersten Schritt gemacht. Es braucht keine dramatische Rundumerneuerung, sondern kleine erste Veränderungen, die du, statt der alten Muster wiederholst.

 

  • Vielleicht, in dem du nicht sofort eine Lösung anbietest, sondern dazu befähigst, dass die Person, die Lösung selbst findet.
  • Vielleicht in einem Meeting, in dem du nicht wieder alles sortierst, sondern eine Frage stellst, die Verantwortung zurückgibt.
  • Vielleicht in einem Gespräch, in dem du eine Grenze nicht hart setzt, aber klar.
  • Vielleicht in dem Satz, den du dir selbst nicht länger durchgehen lässt: „Ich darf erst zur Ruhe kommen, wenn alles erledigt ist.“

Viele glauben, sie müssten in Zeiten der Herausforderung härter werden, mehr Druck ausüben, auf sich und andere. Druck kann kurzfristig Bewegung erzeugen, Menschen funktionieren, liefern und halten irgendwie durch. Doch echte langfristige Beteiligung entsteht woanders.

Dort, wo verstanden wird, wofür etwas wichtig ist. Wo mitgedacht werden darf. Wo Spannungen nicht weggedrückt, sondern ausgesprochen werden. Und wo Führung nicht nur Anforderungen formuliert, sondern selbst spürbar bleibt.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Fragen, die du dir stellen darfst:

Bin ich durch das, was ich täglich tue, wirklich wirksam – oder verliere ich meine Wirksamkeit Stück für Stück und damit auch mich selbst?

Du musst sie nicht sofort beantworten.

Aber du kannst sie mitnehmen. In die nächste Entscheidung. In das nächste Gespräch. In den nächsten Moment, in dem du merkst, dass du schon wieder funktionierst, obwohl du eigentlich kurz innehalten müsstest.

Wenn das nächste „Kannst du kurz…?“ kommt, halte einen Moment inne und frage dich nicht nur: „Kann ich das übernehmen?“

Sondern auch: „Was trainiere ich gerade, wenn ich es wieder tue?“

Denn dein Umfeld braucht nicht, dass du unerschütterlich bist. Es braucht nicht, dass du alles weißt. Es braucht nicht einmal, dass du immer stark wirkst.

Es braucht jemanden, der sich selbst nicht verliert, während er anderen Orientierung gibt.

Und der weiß: Ich bin nicht nur das Ergebnis meiner Umstände. Ich bin auch das Ergebnis dessen, was ich täglich wiederhole.

Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass in deinem Unternehmen, deinem Verantwortungsbereich oder deiner eigenen Arbeit vieles nur deshalb funktioniert, weil du zu viel auffängst, dann ist das kein Randthema. Es ist ein Hinweis auf Abhängigkeit im System.

Die entscheidende Frage ist dann nicht: „Wie halte ich noch länger durch?“

Sondern: „Welches Muster muss ich unterbrechen, damit Verantwortung wieder klarer, tragfähiger und wirksamer wird?“

Wenn du diese Frage für dich, dein Team oder dein Unternehmen sortieren möchtest, schreibe mir gern eine PN. Und wir schauen in einem unverbindlichen Gespräch, was dein erster Ansatz sein könnte.