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Mittelstand Deutschland - BLOG
Robinhood – (k)ein Freund des Kleinanlegers
Autor: Patrice Kaiser, MERKUR PRIVATBANK
Datum: 15.02.2021
Kategorie: Wirtschaft & Recht
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Robinhood – die kostenlose Trading App für jedermann

Die US-amerikanische App Robinhood wirbt damit, kostenloses Trading für jedermann anzubieten. Tatsächlich ist die App insbesondere für Neueinsteiger am Aktienmarkt sehr nutzerfreundlich aufgebaut. Die Funktion sind auf das Wesentliche reduziert – den schnellen Kauf und Verkauf von Wertpapieren quasi nebenbei. Kauf und Verkauf der Wertpapiere sind dabei für den Nutzer komplett gebührenfrei. Die App spricht damit gezielt Anleger an, die mit sehr kleinen Beträgen, oftmals nur wenigen 100 $ Wertpapiere handeln wollen. Nutzer sind entsprechend sehr häufig junge, technologie- und internetaffine „Millennials“ Anfang 20. 

Der Erfolg gibt dem Konzept recht: bis Ende 2020 stieg die Zahl der Nutzer der App auf über 13 Mio. an. Gleichzeitig handeln die Nutzer überdurchschnittlich häufig. Ein Extremfall aus dem letzten Jahr kam auf über 12.700 Transaktionen im Jahr.

Was auf den ersten Blick nach einem attraktiven Angebot für junge Menschen, die erste Erfahrungen am Aktienmarkt sammeln wollen, aussieht, hat aber auch gravierende Schattenseiten. So verzichtet die App bewusst und gezielt auf „überflüssige“ Informationen. So gibt es beim Kauf weder die in Deutschland erforderlichen Warnhinweise noch tiefergehende Informationen zu den Unternehmen, deren Aktien gehandelt werden.

Der Aufbau und das Handling der App folgt außerdem dem Konzept des „Gamification“. Beim Nutzer wird der Eindruck gefördert, beim Handel mit Wertpapieren geht es um ein Spiel, ähnlich wie in einem Online-Casino. Es geht nicht um langfristige Anlagestrategien, sondern darum, möglichst häufig zu handeln und in kürzester Zeit Gewinne zu erzielen. Erste Studien lassen vermuten, dass dadurch bei den Nutzern ein Suchtverhalten, analog zur Spielsucht erzeugt wird. Dass es bei den Transaktionen um echtes Geld geht, tritt dabei in den Hintergrund. Tragische Folge: Ein 20-jähriger Student brachte sich vor kurzem um, weil er – fälschlicherweise- feststellte, dass er mit Optionsgeschäften über die App einen Verlust von mehr als 750.000,00 $ angehäuft hat.

Gebührenfrei ist nicht umsonst

Wie fast immer bedeutet eine gebührenfreie Dienstleistung im Netzt nicht, dass sie für den Kunden am Ende tatsächlich umsonst ist. Schließlich ist es das Ziel von Robinhood, Geld zu verdienen. Das erreicht das Unternehmen dadurch, dass es die Order seiner Nutzer nicht direkt an eine Börse weitergibt, sondern stattdessen die Aufträge über den Hochgeschwindigkeitshandel des Anbieters Citadel abwickelt. Für die Weiterleitung erhält der App-Anbieter dann eine Provision von Citadel. Für Citadel wiederum bringt dieser Handel zwei wesentliche Vorteile: Zum einen steigt die Liquidität im Handel, was eine wesentliche Grundvoraussetzung für die Abwicklung des Hochgeschwindigkeitshandels ist. Zum anderen erhält das Unternehmen die Nutzerdaten frei Haus mitgeliefert und kann dadurch das Nutzerverhalten genau analysieren und damit Vorhersagen für eigene Anlageentscheidungen ableiten. Das ist umso relevanter, da Citadel parallel eigene Hedgefonds verwaltet.

Revolte gegen das System oder Marktmanipulation?

Während also die Unternehmensziele von Robinhood wie auch Citadel durchaus klassisch in der Erwirtschaftung von steigenden Unternehmensgewinnen liegen, hatten die Nutzer in den vergangenen Wochen andere Pläne. Sie riefen zur Revolution gegen Wall Street und Hedgefonds auf. Dazu verabredeten Sie sich in diversen Onlineforen zum koordinierten Kauf von Aktien kleiner Unternehmen mit engem Markt und eher schlechten bis katastrophalen Unternehmensaussichten. Bekanntestes Beispiel: Die Aktie des Händlers GameStop. Gerechtfertigt werden die Kaufabsprachen damit, dass Hedgefonds gezielt Leerverkäufe einsetzten, um auf fallende Kurse der Aktie zu setzen und so Gewinne mit dem „Untergang“ des Unternehmens zu machen.

Dabei lassen die Käufer außer Acht, dass in vielen Fällen ein Kursverlust tatsächlich Folge der schlechten Unternehmenslage ist. So macht das Unternehmen GameStop seit längeren Verlusten und verzeichnet Umsatzrückgänge, was durch die Schließung auf Grund des Corona-Lockdowns noch beschleunigt wurde.

Durch die geheimen Kaufabsprachen stieg nun der Kurs der GameStop-Aktie innerhalb kürzester Zeit dramatisch an. Anfang des Jahres stieg von knapp 19,00$ auf fast 350,00$ um mehr als 1.700 Prozent. Ähnlich dramatisch war der folgende Kurs-Sturz in der ersten Februar-Woche zurück auf etwa 50$.          

Im selben Maße, wie die Robinhood-Trader vom Kursanstieg profitierten, verloren die Hedgefonds. Sie mussten sich zu sehr viel höheren Kursen mit Aktien eindecken, um die Leerverkäufe glatt zu stellen.

Was die App-Nutzer als Revolution verstanden wissen wollen, um die Marktmacht großer Investoren zu beschränken, kann – kritisch betrachtet – auch als Marktmanipulation bezeichnet werden. Im Sinne der Marktmissbrauchsverordnung liegt diese vor, wenn der „Abschluss eines Geschäfts…, falsche oder irreführende Signale hinsichtlich des Angebots, der Nachfrage oder des Preises eines Finanzinstruments … gibt, oder ein anormales oder künstliches Kursniveau sichert…“.

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC prüft entsprechend dieses Vorgehen. Ein abschließendes Urteil steht aber noch aus.

Konsequenzen dieser Aktionen

Die Aktionen der Robinhood-Nutzer haten und haben weitreichende Konsequenzen für den Aktienmarkt. Zuallererst traf es die Hedgefonds mit hohen Leerverkaufs-Positionen. Sie gerieten deutlich in Schieflage. Einige mussten mit Finanzspritzen anderer Banken gerettet werden, um einen erneuten Kollaps des gesamten Finanzsystems zu verhindern. Wichtig zum Verständnis: Nicht jeder Hedgefonds ist gleichzeitig eine sogenannte Heuschrecke. Gerade in Amerika verwalten viele Hedgefonds die Ansprüche aus Betriebsrenten für Millionen Arbeitnehmer.

Auch so mancher Kleinanleger und App-Nutzer zahlte drauf. Wer zu spät eingestiegen ist und dann zu spät an den Ausstieg gedacht hat, machte innerhalb kürzester Zeit hohe Verluste.

Für klassische, am langfristigen Erfolg interessierte Anleger bedeutet diese Entwicklung, Vorsicht beim Handel mit möglicherweise betroffenen Aktien walten zu lassen. Besonders anfällig sind Aktien mit geringen Handelsvolumen, bei denen Analysten und institutionelle Anleger stark von Kursverlusten ausgehen.

Beispiele sind neben GameStop aktuell Nikola, Inovio Pharmaceuticals oder die Virgin Galactic Holdings.

Hier kann ein Kursanstieg nicht das Signal für erwartete verbesserte Unternehmensdaten, sondern das Ergebnis einer weiteren Absprache der Robinhood-Community sein. Ähnliches gilt übrigens für die Kursentwicklung digitaler Währungen. So verdoppelte sich der Kurs der Währung Ripple binnen weniger Tage, nachdem auffällige Kommentare in Foren geteilt wurden.

Exkurs: Leerverkäufe

Bei einem Leerverkauf verkaufen institutionelle Anleger, insbesondere Hedgefonds, Aktien, ohne dass sie diese tatsächlich besitzen. Sie setzen damit auf fallende Kurse der Aktie. Geht die Rechnung auf, können sie die Aktie später billiger am Markt kaufen und damit ihre Lieferverpflichtung erfüllen. Die Kursdifferenz zwischen Verkaufskurs und Kaufkurs wird als Gewinn vereinnahmt. Steigt dagegen der Kurs, entstehen -potenziell unbegrenzte – Verluste. Leerverkäufe sind schon in der Finanzmarkt- und Euro-Krise heftig kritisiert worden, da sich dadurch Abwärtstendenzen verstärken können.

Der Autor

Patrice Kaiser, Vertriebs- und Produktmanager Anlage

Patrice Kaiser, 42 Jahre alt, Bankbetriebswirt und Wirtschaftspsychologe, verantwortet seit 2011 die fachliche Seite des Anlagegeschäfts in der MERKUR PRIVATBANK. Im Vordergrund seiner Arbeit steht, die Komplexität einer Vielzahl von Anlageformen und -strategien für den Kunden aufzulösen. Um die individuell beste Lösung bieten zu können, trifft er die Wertpapierauswahl an Hand quantitativer und qualitativer Kriterien. Sein Ziel: die Anlagen zu finden, die langfristig überdurchschnittlich gut abschneiden.

 

 

 
Rechtlicher Hinweis

Die in diesem Beitrag geäußerten Meinungen stellen weder eine Beratung noch eine Empfehlung zum Kauf, Halten oder Verkauf von Wertpapieren oder anderen Anlageinstrumenten dar. Sie sind weder als Anlageberatung, Anlageempfehlung oder als Angebot für den Erwerb von Wertpapieren zu verstehen.  Sie basieren auf öffentlich zugänglichen Informationsquellen, die wir als zuverlässig erachten und stellen keine Finanzanalyse im Sinne des WpHG dar. Sämtliche Prognosen und Darstellung dienen ausschließlich der Information und gelten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Informationen kann die MERKUR PRIVATBANK KGaA keine Gewähr übernehmen. Vergangenheitswerte geben keinen Aufschluss über die mögliche Wertentwicklung in der Zukunft. Sie können zu Fehlentscheidungen bei möglichen Anlagen führen. Anlagen in Wertpapieren können grundsätzlich zu Verlusten führen. Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine allgemeine Marketing-Information, die weder Ihre persönliche finanzielle Situation noch Ihre individuelle Risikoneigung berücksichtigt. Wir empfehlen Ihnen, den Rat eines Anlageberaters in Anspruch zu nehmen, um zu prüfen, welche Anlagen für Ihre individuelle Situation geeignet sind. Für steuerliche Fragen mit Bezug zu Ihren Anlagen konsultieren Sie bitte Ihren Steuerberater. Die MERKUR PRIVATBANK KGaA übernimmt keine Haftung für Schäden oder Verluste, die aus der Verwendung oder Vervielfältigung dieser Information gegebenenfalls entstehen.